Kvarnhult
Kvarnhult

RENTIERE (Rangifer tarandus)

Auf dem europäischen Festland bewohnte das Wildren, eine Hirschart, auch in jüngerer Zeit noch den gesamten Raum der Skanden, die subpolare Zone (Tundra) sowie die boreale Zone Fennoskandiens (Skandinavien, Finnland, (Nord-) Karelien, Kolahalbinsel). Kleine Bestände wild lebender Rentiere kommen heute nur noch innerhalb der norwegischen Hardangervidda, in Nordfinnland, in Nordkarelien und auf der Halbinsel Kola vor.

 

Bei den Rentieren Schwedisch-Lapplands, auf welche ich mich in meiner kleinen Dokumentation beschränke, handelt es sich um "halb domestizierte" Tiere, welche mit dem Menschen recht vertraut sind. Das Privileg der Rentierhaltung in "freier Weide" kommt in Schweden nur den Samen zu.

 

In Schwedisch-Lappland kommen zwei Arten der Rentierhaltung vor, welche sich aus den zweierlei vorkommenden Ökotypen der Rentiere entwickelten: die waldsamische und die bergsamische Rentierzucht. Waldrentiere suchen ihre Sommerweiden in den Waldgebieten der Taiga, Bergrentiere indessen ziehen im Sommer hinauf in das Gebirge der Skanden. Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, gibt es in der Provinz Västerbotten heute sieben Samendörfer (Distrikte), von denen nur Malå, meine Kommune, waldsamisch ist (s. bei "Mein Kvarnhult" und bei "Durchs Bienenjahr, Teil I, 8. Mai").

 

Das Rentier ist sehr kräftig bis plump, in seiner Größe liegt es zwischen dem Dam- und dem Rotwild. Seinem hochnordischen Lebensraum ist es hervorragend angepaßt: Die weit gestellten Beine mit ihren übergroßen, tief gespaltenen und durch eine Spannhaut weit spreizbaren Hufen sowie die gut ausgebildeten Afterzehen bieten Trittsicherheit in Sümpfen und Mooren ebenso wie im Tiefschnee. Ihr massiger Körper in Verbindung mit den weit gestellten Beinen und den klobigen Hufen erlauben den Tieren keinen flotten Galopp, jedoch einen ausdauernden Trab und ein zügiges Schreiten im Paßgang. Charakteristisch für das Ren ist das "Knackgeräusch" der Hufe im Gang. Ihre dichte Unterwolle, die behaarte Nasenkuppe und die auffallend kurzen Ohren machen das Ren unempfindlich gegen Temperaturen von –40°C und darunter. Anders als bei allen übrigen Hirscharten tragen beide Geschlechter der Rentiere Geweihe, wenngleich jene der weiblichen Tiere auffällig schwächer ausgebildet sind. Starke Hirsche fegen ab Ende August, sonst liegt die Fegezeit im September. Der Stangenabwurf der Männchen erfolgt nach der Brunft etwa im November, jener der Weibchen im Februar/ März.

 

Die Nahrung dieser hochnordischen Tiere besteht aus Flechten, Moosen, Gräsern, Blättern, Pilzen; so es sich bietet nehmen sie auch Aas auf. Im Spätsommer ernähren sie sich vornehmlich von Beeren, vorzugsweise von Heidelbeeren, nebst deren Blattwerk, womit sie sich einen feisten "Winterwanst" anfressen. Während des Winters scharren die Tiere mit ihren kräftigen Vorderhufen die mächtige Schneedecke durch, um an die karge Nahrung zu gelangen. Während der milderen Winter der letzten Jahre vereiste oftmals die Schneedecke so fest, daß diese von schwächeren Tieren mit ihren Hufen nicht durchbrochen werden konnte; so kamen sie nicht an das Futter und starben den Hungertod.

Rentiere sind Herden- und Wandertiere. Man trifft sie in kleinen Gruppen, meist als "Männertrupps" oder "Mütter mit Kindern", bis hin zu großen Herden an. Sie sind stets unterwegs, wobei sie für größere Wanderungen sehr gerne passende Straßen in Anspruch nehmen.

Ihrem uralten Wanderinstinkt folgend wechseln sie auch noch heute in großen Herden ihre jahreszeitlich bedingten Standorte zwischen Gebirgs- und mittleren Waldlagen im Sommer und der Region am Bottnischen Meerbusen im Winter. Heutzutage werden die Wanderbewegungen von ihren Besitzern, den Samen, gesteuert.

 

Nach der Brunft im September/ Oktober und einer Tragezeit von 230 Tagen werden die Kälber sodann im Mai/ Juni geboren. Gelegentlich kommen Zwillingsgeburten vor. Wegen des sehr hohen Fettgehaltes der Rentiermilch und des üppigen Nahrungsangebotes während des nordischen Sommers wachsen die Kälbchen ungewöhnlich schnell heran. Ziehen die Muttertiere und Kälber in Herden oder Trupps , so ist fortwährend die Kommunikation zwischen Mutter und Kalb zu vernehmen: Die Mutter ruft in einem recht tiefen "Öh-öh-öh", das Kälbchen antwortet ebenso, jedoch in ganz feiner Tonlage. Mitunter ist die Landschaft erfüllt von den Rufen der Mütter und ihren Kälbern.

 

Nach Mittsommer, Ende Juni Anfang Juli, erfolgt die Kälbermarkierung. Dazu werden die Herden zusammengetrieben und in runden Koppeln so lange im Kreise bewegt, bis sich die Tiere beruhigt und die Kälber zu ihren Müttern gefunden haben. Sodann werden die Kälber herausgefangen und an einem Ohr markiert. Im September erfolgt der zweite Zusammentrieb der Herden zur sogenannten Rentierscheidung: Ein Teil der Tiere gelangt zur Schlachtung, der andere Teil erlangt die Freiheit wieder. Das Fangen der Tiere erfolgt mittels eines Lassos, dessen Anwendung die Samis gekonnt beherrschen und in den Cowboys Nachahmer fanden. Zum Zusammentrieb der Tiere kommen heutzutage "Fyrhjuls" (Quads), Schneeskooter und durchaus auch Hubschrauber zum Einsatz.

 

Und nun betrachten Sie die kleine Fotogalerie. Einige Merkmale dieser ganz besonderen Tiere, wie die kräftigen Hufe, die kurzen Ohren und die behaarte Nase, sind bei einer Vergrößerung der Fotos deutlich zu erkennen.

Rentierkindergarten auf meiner Wiese

Und wieder ist Winter

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© Bernd Klotz